Any day could be the last nice day for a long time.

Far from home

Zelt und Fahrrad vor rotem Sonnenuntergang

“Manchmal sind ungewöhnliche Sachen ja ganz gut. Ich meine, unheimliche Geschichten und nass werden und allein mit allem fertig werden und so. Aber auf die Dauer ist das alles einfach nicht gemütlich.” – Tove Jansson, “Die Mumins – Eine drollige Gesellschaft”

I wanna love you but I better not touch

der Text '24 h OL 2026' geschrieben in das Eis auf einer sonnenbeschienenen Metalloberfläche

Thüringer 24h-OL. Weil ich so alt bin, dass ich meine Fehler jetzt schon wiederhole. Diesmal: auf die Staffelumfrage der USG vage Bereitschaft signalisiert, und wer nicht sofort nein schreit, hat natürlich implizit ja gesagt, also starten wir in einer 6er-Seniorenstaffel über 12h, da sind wir bestimmt gut aufgehoben.

In der Aufbauwoche hat’s quasi durchgeregnet, entsprechend fahren wir mit Schwung und Allrad auf den Campingplatz und können dann zur Abendunterhaltung zugucken, wie ein paar Wohnmobile mit dem Traktor aus der Mumpe gezogen werden. Ansonsten ist es leider zu frisch für Unterhaltung und Geselligkeit und wir verkriechen uns um neun in den Schlafsack, den wir am nächsten Morgen sehr zeitig verlassen und ein überfrorenes Zelt vorfinden. Die Sonne gibt sich noch halbherzig Mühe, das Frühstück bisschen gemütlich zu machen, aber es gelingt ihr nicht – ich lauf ja schon gern bei Kälte, aber wenn ich grad nicht laufe, verbringe ich den ganzen Tag in Winterverkleidung.

Blick aus einer Zeltöffnung auf viele Zelte und eine gefrorene Wiese in der Morgensonne

Justus startet, sein Papa vertrödelt gleich mal den ersten Wechsel, aber ich stell mich auch doof an, mach auf der wirklich simplen Themenbahn zwei Orientierungsfehler und vergess dann auch noch den Zielposten, wir zahlen heut alle Blödheitsbeitrag in die Kaffeekasse. Trotzdem sind wir die ersten 6 Bahnen in 3h gelaufen und wenn das so weitergeht, laufen wir vermutlich fast alle viermal und müssen folglich auch die längeren Strecken angehen: es gibt 7 “einfache” und 7 “schwere” Bahnen jeweils aufsteigender Streckenlänge; gezählt wird am Ende nur, wer die meisten Bahnen geschafft hat, es ist also die strategische Aufgabe, sich richtig einzuschätzen und die langen Strecken, die man eh laufen muss, irgendwann zu laufen, wenn die Beine noch nicht völlig tot sind, aber halt keine langen Strecken zu laufen, die man nicht laufen muss, weil die kurzen ja viel schneller den Punkt bringen. Weil ich das zarte Gefühl habe, mein Hirn daheim vergessen zu haben, stürze ich mich also auf was längeres einfaches – und das ist leider ziemlich dumm, denn es stellt sich raus, dass sowohl einfache als auch schwere Bahnen dann einfach viel anstrengender zu orientieren sind als die Startbahn und viel mehr Querfeldein enthalten und damit bin ich schon am zweiten Posten so verloren, dass ich mich dann zügig zu erinnern versuche, wie denn nochmal Kompassläufe gehen, denn sonst komm ich nie an. Zum Glück fällt’s mir ein (mein letzter Fuß-OL war vor 3 Jahren!), und so verbringe ich dann viel Zeit damit, mit Kompass in der Hand ungeschickt mitten durch unwegsamen Wald zu stolpern, womit ich aber immerhin oftmals direkt am gesuchten Posten rauskomme. Leider aber auch kurz vor dem 5. Posten doof auf einem feuchten Baumstamm wegrutsche und seitlich mit dem Oberschenkel auf einen Baumstumpf klatsche – den Preis fürs größte Hämatom hab ich schonmal sicher… Mein erster Gedanke ist “wenn ich aus dem Wald komm, kauf ich mir umgehend OL-Schuhe mit Spikes”, der zweite Gedanke allerdings “wenn ich je aus dem Wald komm, mach ich nie wieder OL”, nun ja. Erstmal muss ja aber die Bahn zu Ende gelaufen werden, und tatsächlich hilft’s mehr als einmal, dass beim 24h-OL so viele Menschen im Wald sind: “Oh, da hinten ist grad jemand bis übern Kopf im Blaubeerkraut verschwunden, das wird wohl das gesuchte Loch sein!” Grandioser Erfolg: ich habe nicht die längste Bahnlaufzeit erzielt und am Wechsel hab ich ein Eis gekriegt!

eine große Menge rotweiße Postenschirme, an einem Netzzaun hängend, im Sonnenschein unter blauem Himmel

Ein bisschen hakt es dann auch bei den anderen, also entwickeln wir schließlich doch noch B-Pläne, die aber zum Glück nicht zum Tragen kommen – es geht grad auf, dass ich zum Schluss noch auf die allerkürzeste einfache Bahn gehe, und heureka, da kann ich zuweilen sogar Wege benutzen und bau gar nicht allzu viel Mist, das ist doch sehr schön und ich komme 7 Minuten vor Schluss erfolgreich ins Ziel, hurra! Erwartungsgemäß haben wir keinen Blumentopf gewonnen, dafür kann ich immerhin noch Kati das Geheimnis entlocken, wie Sascha auch nach 12h noch so locker rennen kann: “Sie trainiert.” Ja dann. Nächstes Mal.

Too late, swept away

Ok, irgendwer hat sich ausgedacht, dass MTBO in Wernigerode am ersten Samstag im Mai stattfindet. Aber hat diese Person mal drüber nachgedacht, dass das leicht das lange Wochenende mit der Walpurgisnacht am Brocken sein kann und da alle Menschen dieser Welt in Wernigerode sein werden? Ich kam da allerdings auch erst drei Tage vorm Rennen drauf – zu spät, um noch einen offiziellen Platz fürs Zelt zu reservieren, da schlafen wir also im Wald und machen ein Bikepackingerlebnis draus. Und das war vermutlich auch das beste, was uns hätte einfallen können, denn die Stadt ist wirklich absurd voll, man findet kaum einen Sitzplatz im Biergarten, im Wald dagegen gibt’s Ruhe und unsere einzige Gesellschaft sind paar Fledermäuse. Läuft.

So stehen wir also gut erholt am Start zum inzwischen 5. Orientierungsfahren der Wernigeröder, wie schon letztes Mal ab Sprungschanze Zwölfmorgental, erfreulich weiter professionalisiert (jetzt mit SI-Chips! Und personalisierten Startnummern!), aber immer noch in gut durchmischter Gesellschaft – von Orientierungsveteranen bis völligen Neueinsteigern, die das mit Karte in der Hosentasche mal ausprobieren wollen, ist alles dabei. Da hilft’s, dass wir die Karte schon zehn Minuten vorm Start kriegen und somit der dreiviertle Plan stabil steht, bevor wir losrollen – 3h Score einzeln oder zu zweit ist hier der Modus, Justus und ich haben uns für Einzelrennen entschieden und besser isses vielleicht, wir starten direkt in entgegengesetzte Richtungen.

Mein Gedanke war, durch Wernigerode muss ich gleich am Anfang navigieren, später bringt das mein Hirn nicht mehr. Das klappt, und sogar so gut, dass einer der Herren, die gleich am Start vor mir davongerauscht waren, mich erst ne Viertelstunde später außerorts wieder einholt. Hätt ich den mal besser im Auge behalten, hätt ich mir vielleicht auch die Fehlentscheidung erspart, einen Grasweg zu nutzen, der auf den ersten Blick zwar ganz fahrbar aussieht, binnen kurzem aber doch ganz schön rumpelig und scheiße wird. Na, bisschen Blödheit ist immer.

Weiters werde ich nach ungefähr ner Stunde gebremst von einem weichen Hinterrad, was ich aufs Fehlen von Glücksbringernagellack an meinen Fingern schiebe, naja, hilft ja nischt, schnell n neuen Schlauch einbauen und weiter zum Sonderposten: an einem Häuschen gibt’s statt Posten eine Karte, wo zwei weitere Posten zu finden sind, und dafür bin ich meine Runde leider falschrum gefahren, denn für beide muss ich nochmal ein Stück zurück und außerdem ganz bisschen Herumirren, Feinorientierung läuft diesmal nicht so super.

Ja, und dann war der Plan, zur Mittagshitze in den Wald zu fahren, wo ich Schatten hab, aber das war halt auch schlecht gedacht, denn wir sind im Harz und da stehen im Wald ja keine Bäume mehr! Und so kämpfe ich mich dann ein sehr langes, sehr heißes Tal hoch zum Bergposten; ein überholtes Wanderkleinkind schmeißt sich demonstrativ auf den Weg und kann nicht mehr und ich fühl’s. Trotzdem komm ich irgendwann auf dem Berg an, umgeben von zehn E-Mountainbikes, die ab da Trails runterfahren wollten, aber ich Depp ja nicht, ich muss hier nur kurz n Chip reinstecken und dann Richtung Ziel. Pünktliche Rückkehr wird inzwischen auch schon bisschen sportlich, ich nehm nur noch zwei wertvollen Bergposten mit und lass zwei weitere simple Posten am Weg liegen und dann muss ich doch nochmal durch Wernigerode navigieren, aber es gelingt mir, mit nur 5min Verspätung einzureiten und den zweiten Platz zu belegen, wofür’s eine Siegprämie aus Schierker und Baumkuchen gibt, alles richtig gemacht also.